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Warum es in Manchester mehr malawische Ärzte als in ganz Malawi gibt

In der mittelenglischen Industriestadt Manchester sind mehr malawische Ärzte als in ganz Malawi beschäftigt. Das ist ein Skandal, wenn man bedenkt, dass in Malawi mehr als achtzehn Millionen Menschen leben, während es in Manchester gerade mal eine halbe Million Einwohner gibt.1

Das hierfür verantwortliche Phänomen wird “Braindrain” genannt und besagt, dass eine wirtschaftlich schlechter gestellte Gesellschaft auf eigene Kosten Fachkräfte ausbildet, die nach ihrer Ausbildung von einer wirtschaftlich besser gestellten Gesellschaft abgeworben werden und dort arbeiten gehen, und zwar aus dem ganz einfachen Grund, dass sie dort mehr Geld verdienen.2

Warum aber ist das so?

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Die Antwort ist unglaublich einfach, sobald man sie verstanden hat. Bis man sie aber verstanden hat, erscheint sie unglaublich kompliziert. Daher beginnen wir mit der Antwort, an die wir die dazugehörende Erklärung anschließen.

Antwort

Die Antwort lautet: Weil es in der Zeitung steht, deren Autoren die Information in Büchern gelesen haben, deren Autoren die Information in offiziellen Gesundheitsstudien gelesen haben, deren Autoren wiederum die Information in Büchern gelesen haben, deren Autoren die Information ursprünglich in einer Zeitung gelesen hatten, dessen Autor wiederum die Information am Rande eines Vortrags hörte und daraus eine Geschichte machte.

Fakt ist einzig nur, dass erstens die Information falsch ist, weshalb kein einziger der am Informationsprozess Beteiligten jemals in Malawi oder auch nur einmal im Großraum Manchester bei Ärzten oder in einem Krankenhaus gewesen sein kann, damit er nachfragt, ob die Information richtig ist. Ebenso wenig haben die Schreiberlinge darüber nachgedacht, ob die Information überhaupt richtig sein kann; stattdessen haben sie allesamt dieselbe absurd-fantastische Geschichte voneinander abgeschrieben. Die akademischen Abschreiber haben sich zusätzlich die Mühe gemacht, die Geschichte streng nach wissenschaftlichem Maßstab voneinander abzuschreiben; hierfür haben sie zur Verwendung der Information diese mit eigenen Worten niedergeschrieben und entweder hinten in Klammern oder unten in der Fußnote die von ihnen verwendete Quelle zitiert.3 In der wissenschaftlichen Welt spricht man hierbei von “paraphrasieren”; in der wirklichen Welt sagt man dazu entweder: der hat seinen eigenen Senf dazugegeben, oder, der hat einen Kommentar verfasst. Beides bedeutet schlichtweg dasselbe und wird deshalb auch unter dem Begriff der Paraphrasierung zusammengefasst. So zumindest lautet die Definition des Begriffs.4

Erklärung

Es ist richtig, dass es in Malawi wenig Doktoren gibt. Im Jahr 2016 war durchschnittlich ein einziger approbierter Arzt in Malawi für die Betreuung von circa vierzigtausend Patienten zuständig. Allerdings gibt es im malawischen Gesundheitssystem neben den approbierten Ärzten weiteres medizinisches Personal, das bis hin zur Durchführung von Operationen für die medizinische Behandlung zuständig ist, die sogenannten Clinical Officers. Zählt man diese zur Ärzteschaft hinzu, kommt man auf 1.400 Doktoren, die im malawischen Gesundheitssystem tätig sind. In diesem Fall würde man von 13.000 Patienten pro Doktor sprechen,5 während es in Deutschland laut der von der Bundesärztekammer veröffentlichten Ärztestatistik im Jahr 2015 rein rechnerisch einen Arzt pro 222 Einwohner, im Jahr 2016 bereits einen Arzt pro 218 Einwohner gab.6

Nun sagen natürlich Zahlen an sich nichts über die tatsächliche Gesundsversorgung eines Landes aus, sodass auch die Bundesärztekammer im Rahmen perspektivischer Wahrheit frohgemut von Unterversorgung sprechen und nach mehr Geld schreien kann. Allerdings interessieren uns die Zahlen heute nicht, sondern nur die Frage, wie die Geschichte mit den malawischen Ärzten in Manchester in die Welt hinein kam.

Im Jahr 1981 fand ein vom malawischen Gesundheitsministerium („ministry of health“) veranstalteter Kongress in Manchester statt. Dort trafen viele im Ausland studierende und praktizierende malawische Mediziner zusammen. Das malawische Gesundheitsministerium wollte mithilfe dieser Veranstaltung ihre expatriierten Fachkräften zur Rückkehr nach Malawi bewegen. Denn Fakt ist, dass zur damaligen Zeit zwei Fünftel aller malawischen Medizinstudenten nach ihrem Studienabschluss aufgrund der besseren Bezahlung zum arbeiten ins afrikanische und europäische Ausland gingen. Und im Rahmen des Kongresses fiel irgendwann der Satz, dass heute mehr malawische Ärzte in Manchester als in Malawi selber anwesend sind.

Der Journalist einer britischen Zeitung, die für ihre Leser vom malawischen Ärztekongress berichtete, schnappte die Aussage auf und baute sie in seinen Artikel ein, woraufhin das Märchen der vielen malawischen Ärzte in Manchester um die Welt ging. Irgendwann ist die Fakeinformationen dann in offiziellen Gesundheitsstudien aufgetaucht und dadurch zur wissenschaftlich anerkannten Wahrheit geworden.

Fakt ist trotzdem, dass es laut Angaben des britischen General Medical Councils im Jahr 2012 Großbritannienweit vierunddreißig eingetragene malawische Ärzte.7 wobei dieser Wert ein reiner Witz ist, wenn man bedenkt, dass laut Angaben der Bundesärztekammer im Jahr 2016 2.895 Ärzte aus Syrien und 4.285 Rumänen in deutschen Krankenhäusern tätig gewesen sind.8 Und letzteren Zahlen kann man guten Gewissens viel Glauben schenken, da es bezüglich der Berichterstattung die einfache Regel gibt, dass je ferner das berichtete Geschehnis von der darüber berichtenden Quelle ist, desto unzuverlässiger die wiedergegebenen Informationen sind.

Möchte man also unbedingt Braindrain skandalisieren, braucht man nicht nach Manchester und Malawi sehen. Es reicht vollkommen aus, ins nächstgelegene Krankenhaus zu gehen und sich aus Protest gegen kapitalistische Ausbeutung nur noch von deutschen Ärzten behandeln zu lassen


Was lernen wir daraus? Man sollte nicht alles glauben, was irgendwo auf Papier gedruckt steht, und zwar vor allem dann, wenn die gelesene Information im natürlichen Widerspruch zum gesunden Menschenverstand steht. Papier gibt nämlich niemals die Wirklichkeit, sondern nur eine abstrakte Vorstellung davon wieder, wobei es kaum eine Rolle spielt, wer das Papier beschrieben hat.

Mit Ausnahme von mir, natürlich.

Fussnoten

1 Vgl. dpa 2006

2 Vgl. Gubel/Scott 1977

3 Siehe beispielhaft Immel 2008:78; siehe auch Kiepke 2010: 20; siehe auch Tsagué Assopgoum 2012: 78

4 Siehe Sun Tzu 1910: 10

5 Vgl. hierzu Greenberg 2016

6 Vgl hierzu Bundesärztekammer 31.12.2015

7 Vgl. McDonald 2012

8 Siehe Bundesärztekammer 31.12.2016

Literatur

  • Bundesärztekammer (31.12.2015): Ärztestatistik 2015: Medizinischer Versorgungsbedarf steigt schneller als die Zahl der Ärzte. Berlin. Rabbata, Samir, Herbert-Lewin-Platz 1, 10623 Berlin. Online verfügbar unterhttp://www.bundesaerztekammer.de/ueber-uns/aerztestatistik/aerztestatistik-2015/, zuletzt geprüft am 03.02.2018.
  • Bundesärztekammer (31.12.2016): Ärztestatistik 2016: Die Schere zwischen Behandlungsbearf und Behandlungskapazitäten öffnet sich. Berlin. Rabbata, Samir, Herbert-Lewin-Platz 1, 10623 Berlin. Online verfügbar unterhttp://www.bundesaerztekammer.de/ueber-uns/aerztestatistik/aerztestatistik-2016/, zuletzt geprüft am 03.02.2018.
  • dpa (2006): Ärzte verlassen Dritte Welt. Bevölkerungsbericht. In: Stern, 07.06.2006. Online verfügbar unter https://www.stern.de/wirtschaft/job/bevoelkerungsbericht-aerzte-verlassen-dritte-welt-3593864.html, zuletzt geprüft am 03.02.2018.
  • Greenberg, Jon (2016): Advocacy group misses the mark with Malawi doctor tally. In: Politifact, 25.02.2016. Online verfügbar unter http://www.politifact.com/global-news/statements/2016/feb/25/actionaid-k/advocacy-group-misses-mark-malawi-doctor-tally/, zuletzt geprüft am 03.02.2018.
  • Grubel, Herbert G.; Scott, Anthony (1977): The brain drain. Determinants, measurement and welfare effects. Waterloo, Ontario: Laurier Univ. Press.
  • Immel, Karl-Albrecht (2008): Die globale Zeche in Zahlen. In: Hans Norbert Janowski und Theodor Leuenberger (Hg.): Globale Akteure der Entwicklung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 69–95.
  • Kiepke, Anna (2010): Marokkanische Migranten in Deutschland im Spannungsfeld von Integration und Tradition. Hamburg: Diplom.de (Diplomarbeit). Online verfügbar unter http://www.diplomica.de.
  • McDonald, Charlotte (2012): Malawian doctors – are there more in Manchester than Malawi? In: BBC News, 15.01.2012. Online verfügbar unter http://www.bbc.com/news/magazine-16545526, zuletzt geprüft am 03.02.2018.
  • Sun Tzu (1910): The Art of War. The Oldest Military Treatise in the World. Translated from the Chinese with an Introduction and Critical Notes. Unter Mitarbeit von Lionel Giles. London: British Museum.
  • Tsagué Assopgoum, Florence (2012): Migration aus Afrika in die EU. Eine Analyse der Berichterstattung in deutschen und senegalesischen Zeitungen. Zugl.: Siegen, Univ., Diss., 2010. 1. Aufl. 2011. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften / Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH Wiesbaden (VS research). Online verfügbar unter http://dx.doi.org/10.1007/978-3-531-94076-2.