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Breivik

Vor mehr als sieben Jahren griff Anders Behring Breivik Norwegen an. Er traf das Volk dort, wo es wehtut, bei ihren Kindern, und hat durch seine Tat sehr viel Leid verursacht.

Vor Gericht brüstete sich Breivik damit, den raffiniertesten Anschlag Norwegens seit Ende des Zweiten Weltkriegs begangen zu haben. So raffiniert war die Sache aber nicht. Denn was hat er getan?

Er besorgte sich Diesel und Dünger, und hat daraus eine Bombe gebaut. So etwas kann dank dem Internet jeder. Sogar ich.

Dann fuhr er das mit der Bombe beladene Fahrzeug in Oslos Regie­rungsviertel und hat dort das Gemisch zur Zündung gebracht. Auch bis hierher gehen wir d’accord, dass die Raffinesse seiner Tat überschaubar ist. Er ist nicht zusammen mit seiner Bombe in die Luft geflogen – seit den 1980er Jahren ist so etwas aber auch keinen Applaus mehr wert.

Daraufhin nahm er ein zweites Auto und fuhr damit nach Utoya, wo er sich als Polizist verkleidet Zugang zur Insel verschaffte und wehrlose Menschen niedermähte. Er nutzte dafür das Vertrauen der Leute in die Institution der Polizei aus und hatte dadurch leichtes Spiel bei der Tat.

Denn wie reagieren Kinder in Anbetracht einer bis dahin unvorstellba­ren Situation? Sie zeigen wider aller Wahrscheinlichkeit Vertrauen in den Mann in der Uniform: viele starben dadurch, weil sie nicht davon­rannten, als Breivik ihnen zurief, dass er von der Polizei kommt und zu ihrem Schutz vor Terroristen da ist.

Nichts daran ist mutig, stattdessen bezeugt seine Tat höchstens Feigheit, denn in dem Augenblick, als wirklicher Widerstand anrückte, streckte er sofort die Waffen und gab widerstandslos auf.


Viele Eltern von Utoyas Kinder sind selbst heute noch nicht mit der Tat­verarbeitung fertig geworden. Mehr als die Hälfte der Betroffenen hat ihren Job verloren und vegetiert verloren vor sich hin.

Klären wir daher die wesentlichen Fragen, die bis heute offen geblieben sind:

1. Wie konnte Breivik so etwas nur Kinder antun?

2. Warum kommen so viele Eltern über das Geschehnis nicht hinweg?

Breivik gab auf die erste Frage selbst die Antwort: als er auf die Kinder schoss, sah er in ihnen keine Menschen, sondern Teile einer Masse. Er überfiel das Sommerlager der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Ar­beiter gibt es in Massen und ihre Stärke manifestiert sich aus ihrer Mit­gliederzahl. „Gemeinsam sind wir stark“, lautet die Devise.

Indem er die Kinder erschießt, tötet er keine Individuen, sondern dezi­miert einzelne Teile einer Masse, eines zusammenhängenden Körpers, den er dadurch schwächt.

Von Breivik daher Mitleid für einzelne Schicksale zu erwarten ist unsin­nig: so wie er sagt, befindet er sich im Krieg, und im Krieg gilt das ein­zelne Schicksal als Tragödie und die Vielzahl von Schicksalen als Sta­tistik. Und rein logisch betrachtet hat er Recht – er spielte “murder by numbers”, wie dieses Foto hier zeigt:

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Warum die Eltern bis heute über die Sache nicht hinwegkommen, er­scheint ebenfalls logisch; man muss sich hierfür nur die Situation des damaligen Augenblicks vorstellen: soeben ist eine Bombe in Oslos Re­gierungsviertel explodiert, und weil Norwegen ein zentralisierter Staat ist, arbeiten die meisten Eltern dort.

Die Sozialistische Arbeiterpartei regierte damals das Land, sodass der Gedanke naheliegend ist, dass viele Kindseltern in und um das Regie­rungsviertel beschäftigt gewesen sind.

Jetzt rufen die Kinder von Utoya aus besorgt ihre Eltern an und fragen, was geschehen ist und ob es ihnen gut geht. Die Eltern sagen ‘alles gut’ und sind innerlich erleichtert, dass ihre Kinder auf Utoya in Sicher­heit sind.

Dann aber erfolgt der Anschlag, und den Eltern wird mit einem Schlag bewusst, dass die Kinder in Gefahr sind bzw. aus ihrer Wahrnehmung heraus, schon die ganze Zeit in Gefahr gewesen sind. Denn als sie zuvor noch ihre Kinder beruhigten, war Breivik bereits auf dem Weg. Sie hatten sich also so gesehen anstelle von Sicherheit den Tod ihrer Kinder gewünscht, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Daraus entsteht ein Gefühl, dass die Eltern verrückt macht: sie waren zuerst erleichtert, dass sie die Kinder nach Utoya geschickt haben. Da­nach sind sie entsetzt, weil die Kinder auf Utoya gewesen sind. Von ih­nen geschickt.

Die Kombination aus Sicherheit und Unsicherheit, Erleichterung und Entsetzen, Leben und Tod wirkt in den Eltern wie der Pendelschlag ei­ner Glocke, in dessen Mitte sie gefangen sind. Und niemand kann ihnen helfen, denn keiner kann diese Gefühlslage nachvollziehen.


Und deshalb hat Anders Behring Breivik auch verloren: er wollte durch einen Glockenschlag die Gesellschaft aus ihrem Schlaf aufwecken und hat dafür eine Gruppe von Menschen unter eine Glocke gestülpt. Die Gesellschaft da draußen besitzt aber keine Vorstellung davon, wie sich das Leben unter der Glocke anfühlt. Diese hören die Glocke zwar schlagen, fühlen aber nicht ihre Vibrationen, sodass seine Tat nichts weiter als ein Anschlag auf Individuen gewesen ist. Höchstens eine Sto­ry für die Medien. Diese sind aber auch nur an der Sache interessiert, weil Leid und Schmerz gut für die Einschaltquote ist.

Daher tut es mir leid, Herr Breivik, aber Sie haben versagt: Sie wer­den als Massenmörder und nicht als politischer Terrorist in die Ge­schichte eingehen. Denn ein politischer Terrorist hätte so etwas ge­wusst, während ein Massenmörder nur an sich selbst interessiert ist.